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Wer gewinnt die Vierschanzentournee 2020/21? – Der große Favoriten-Check

Der goldene Adler, Foto: Konstanze Schneider

Die 69. Auflage der Vierschanzentournee steht uns unmittelbar bevor. Zwar wird die Tournee ohne die Stimmung der begeisterten Zuschauermassen auskommen müssen, so sind die Athleten nichtsdestotrotz heiß auf den Sieg. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, ist es nicht gerade leicht, die heißesten Anwärter auf den Gesamtsieg auszumachen. So gab es klassische Favoritensiege wie Peter Prevc (2016) und Kamil Stoch (2017/2018), junge überraschende Himmelstürmer wie Thomas Diethart (2014) oder jene, die immer vorne dabei waren, auf ihr Meisterstück jedoch lange warten mussten. Hierzu zählen Wolfgang Loitzl (2009) oder auch Vorjahressieger Dawid Kubacki. Am Ende gewinnt meistens derjenige, der sich gewissermaßen in einen Rausch springt und bei den acht Sprüngen am wenigsten Fehler macht. Wir möchten einen Blick auf diejenigen werfen, die hierzu am meisten prädestiniert sind.

Halvor Egner Granerud (Norwegen)

So lief seine Saison: Halvor Egner Granerud ist die Neuentdeckung der Saison. Zwar gelang ihm in der Saison 2018/19 bereits ein 15. Rang im Gesamtweltcup, so stürzte er im Vorjahr auf Rang 61 ab. In diesem Jahr ist der 25-Jährige jedoch kaum zu stoppen. So sprang er zum Auftakt der Saison zweimal auf Platz vier und ließ dann fünf Weltcupsiege in Serie folgen. Auch bei der Skiflug-WM sprang er zu Silber und sicherte dem norwegischen Team mit einem spektakulären Finalsprung den Sieg.

Das spricht für ihn: Für den jungen Norweger spricht in erster Linie seine ausgezeichnete Form. Er dominierte zuletzt nicht nur die Wettkämpfe, sondern entschied auch beinahe jeden Trainingsdurchgang und jede Qualifikation für sich. Auf seinem Weltklasse-Niveau ist er zudem wahnsinnig konstant. Einen schwächeren Sprung sucht man in dieser Saison vergeblich. Granerud beherrscht alle Teilbereiche von der Anfahrt bis zur Landung und ist extrem selbstbewusst. Seine lockere Art hilft ihm zudem dabei nicht zu verkrampfen.

Das spricht gegen ihn: Nicht selten verschiebt sich das Kräfteverhältnis im Skispringen nach der Weihnachtspause ein wenig. So fand beispielsweise Richard Freitag 2018 in Kamil Stoch seinen Meister. Nicht, weil der Deutsche schlechter sprang als zuvor, sondern weil der Pole noch einmal ein Pfund zulegte. Genau das könnte Granerud in diesem Jahr auch passieren. Dieser ist zudem als Weltcupführender ein Stück weit der Gejagte. Eine noch ungewohnte Situation für den Norweger, an der zuletzt Domen Prevc im Jahr 2016/17 gescheitert war. Bislang präsentierte sich Granerud, dessen bester Gesamtplatz ein 24. war, nicht als Tournee-Spezialist. Dies muss jedoch nichts heißen, wie zuletzt Ryoyu Kobayashi 2018/19 bewiesen hat.

Prognose: Granerud tritt in die Fußstapfen von Kobayashi und bringt seine tolle Form auch bei der Tournee auf die Schanze. Ob es am Ende auch zum Sieg reicht, bleibt abzuwarten. Von allen Teilnehmern hat er jedoch die besten Chancen.

Markus Eisenbichler (Deutschland)

So lief seine Saison: Mit zwei überlegenen Siegen startete der Deutsche überragend in die Saison. Dann schlichen sich jedoch die ersten kleineren und größere Dellen ein. Besonders unglücklich natürlich sein 28. Platz von Nizhny-Tagil, als ihn eine Böe von Rang eins nach hinten wehte. Seitdem konnte der Siegsdorfer zwar nicht gewinnen, war aber stets bei den Besten dabei. So gewann er auch beim ersten Großereignis, der Skiflug-WM, eine Medaille.

Das spricht für ihn: Markus Eisenbichler präsentiert sich schon seit der Sommer-Vorbereitung in glänzender Form. Ruft er seine besten Sprünge ab, so können nur ganz wenige Springer mit dem 29-Jährigen Schritt halten. Dieser ist auch durchaus ein Tournee-Spezialist und verfügt über Erfahrung im Kampf um den Sieg. Auch die Schanzen sollten dem Siegsdorfer mehr entgegenkommen als Engelberg, wo er trotzdem noch Zweiter und Vierter wurde. Vor allem bei den deutschen Stationen brachte Eisenbichler in den letzten Jahren Top-Leistungen, selbst wenn es im Vorfeld noch nicht so lief.

Das spricht gegen ihn: Nach der Böe in Nizhny Tagil ist die Dominanz und Selbstverständlichkeit ein wenig verloren gegangen. Der Deutsche scheint ein wenig anfälliger und unkonstanter zu sein als sein norwegischer Konkurrent. So ist er auch bekannt dafür, in der ersten Phase des Fluges öfter mal eingreifen zu müssen. Ein Fehler und der Traum vom Sieg könnte passé sein. Ein kleines Problem ist bei Eisenbichler auch immer ein wenig die wacklige Landung. Ein zusätzlicher Knackpunkt könnte Innsbruck sein, wo er zwar Weltmeister 2019 wurde, bei der Tournee jedoch nie vorne hineinsprang.

Prognose: Markus Eisenbichler ist der gefährlichste Gegner für Granerud. Allerdings muss er acht Top-Sprünge runter bringen, um dem Wikinger gefährlich zu werden.

Karl Geiger (Deutschland)

So lief seine Saison: Nach eher durchwachsener Vorbereitung stieg Karl Geiger mit einem zweiten Platz sehr gut in den Weltcup ein. Im Gesamtweltcup ist der 27-Jährige allerdings nur elfter, zumal er in Nizhny Tagil und Engelberg nicht am Start war. Bei der SKiflug-WM in Planica gelang ihm mit Platz eins jedoch der ganz große Wurf.

Das spricht für ihn: Karl Geiger ist ein sehr routinierter Athlet, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Der 27-Jährige ist bekannt dafür, immer dann zu liefern, wenn es gerade am wichtigsten ist. So auch bei der Skiflug-WM in Planica. Dabei bewies er auch, dass er in einer tollen Form ist und jederzeit um Siege mitkämpfen kann. Der Oberstdorfer verfügt über ein sehr stabiles System, mit dem er in der Regel Wind und Wetter trotzen kann. Dass er auch die Tournee beherrscht, hat er mit Rang drei im Vorjahr bewiesen.

Das spricht gegen ihn: Noch hat Karl Geiger keine sichere Starterlaubnis für den Auftakt in Oberstdorf. Nach einem positiven Corona-Test kurz nach der Skiflug-WM, ist der frischgebackene Vater zur Isolation verdonnert. Da er keinerlei Symptome zeigt, ist er zumindest körperlich weiterhin topfit. Allerdings konnte Geiger in dieser Saison nie wirklich einen Rhythmus aufbauen und hat deutlich weniger Sprünge absolviert als seine Konkurrenten.

Prognose: Sollte es für den Tournee-Auftakt reichen, muss man Geiger definitiv auf der Rechnung haben. Neben Granerud und Eisenbichler gehört er zu den heißesten Siegesanwärtern.

Piotr Zyla (Polen)

So lief seine Saison: Bis auf einen 23. Platz in Ruka springt der 33-Jährige eine unglaublich starke und konstante Saison. Obwohl er wie alle A-Polen Nizhny-Tagil ausließ, liegt er auf dem vierten Platz in der Gesamtwertung. Seine Topform bestätigte er mit den Rängen drei und fünf in Engelberg.

Das spricht für ihn: Piotr Zyla springt schon seit Jahren auf konstant hohem Niveau und wurde im Jahr 2016/17 schon mal Gesamtzweiter bei der Tournee. Auch in diesem Jahr ist er unglaublich stabil vorne dabei. Mit seinem kräftigen Absprung kann er auch schlechteren Verhältnissen trotzen. Damit bringt er alles mit, um endlich den ganz großen Sprung zu schaffen. Konstant, absprungstark, erfahren und immer ein wenig im Schatten der Teamkollegen: Eine Kombination, die einst Wolfgang Loitzl den Sieg brachte.

Das spricht gegen ihn: Zwar ist Zyla meist vorne mit dabei, so konnte er bislang nicht zeigen, dass er in Einzelsprüngen seinen Konkurrenten auch mal Meter abnehmen kann. Oft braucht es aber genau diese Kampfansagen, mit denen man die Konkurrenz ordentlich schocken kann. Gerade bei Aufwind gibt es Springer, die einfach noch ein paar Meter weiter Springen können als der Pole.

Prognose: Mit einem Gesamtsieg dürfte es aufgrund der starken Konkurrenz schwierig werden. Trotzdem ist es den Polen zuzutrauen, viermal unter die Top-6 zu springen. Und wer weiß: Sollten die führenden Patzen, ist Zyla vielleicht der lachende Vierte.

Daniel Huber (Österreich)

So lief die Saison: Oft war Daniel Huber aufgrund seiner Corona-Erkrankung nicht am Start. Wenn er aber dabei war, gab er ordentlich Gas. So landete er sowohl beim Auftakt in Wisla als auch in Nizhny Tagil auf dem Podest. Zuletzt in Engelberg reichte es dagegen nur zu den Rängen 12 und 13.

Das spricht für ihn: Daniel Huber hat in dieser Saison noch einmal einen enormen Sprung nach vorne gemacht und konnte sich aus dem Schatten seiner Teamkollegen lösen. Der Österreicher springt unglaublich aggressiv und ist gerade bei Aufwind einer der stärksten Athleten im Feld. Sollte der 27-Jährige ein wenig Glück haben und sich in einen Rausch springen, ist mit ihm durchaus zu rechnen, zumal er die Tourneeschanzen allesamt bestens kennt.

Das spricht gegen ihn: Aufgrund seiner Corona-Erkrankung hat Huber den Wettkampfrhythmus ein wenig verloren. So trat in Engelberg sein altes Problem wieder hervor. Will der Salzburger zu viel, so kann das schnell nach hinten losgehen. So gelang ihn zuletzt jeweils nur ein guter Wettkampfsprung. Nicht genug, um bei der Tournee ganz vorne mitspielen zu können.

Prognose: In den Einzelspringen ist Huber ein heißer Anwärter auf das Podest. Der Gesamtsieg scheint jedoch ein schwieriges Unterfangen zu sein. Allerdings wäre er nicht der erste Österreicher, der zur Tournee noch einmal zusätzliche Flügel bekommt und unverhofft zum Gesamtsieg segelt.

Marius Lindvik (Norwegen)

So lief seine Saison: So richtig rund lief es für Marius Lindvik bislang nicht. Nach schleppenden Auftakt sprang er in Nizhny Tagil zwar auf das Podium, verzichtete jedoch auf die Skiflug-WM. Zuletzt in Engelberg präsentierte er sich deutlich stabiler und belegte die Ränge 10 und 14.

Das spricht für ihn: Ruft er seine Top-Sprünge ab, so gibt es oft kein Halten mehr. So schockte er die Konkurrenz im Vorjahr mit seinen Siegen in Garmisch-Patenkirchen und Innsbruck. Der Norweger reiste bereits im vergangenen Jahr als Außenseiter an, um dass bei der Tournee aufzutrumpfen. Zwar sprechen die bisherigen Platzierungen nicht für den 22-Jährigen, so kann es bei diesem aber sehr schnell gehen. Knackpunkt ist bei ihm der Absprung-Übergang. Schafft er es hier den Sprung so zu drehen, dass er ausreichend Geschwindigkeit mitnimmt, kann es für ihn jederzeit ganz nach weit unten gehen. Im Schatten von Granerud hat Lindvik zudem kaum Druck, was ihm einen zusätzlichen Vorteil verschaffen könnte.

Das spricht gegen ihn: Trotz des dritten Platzes in Russland hat sich Lindvik noch nicht in einer Form gezeigt, die ihn zum Mitfavoriten macht. Acht gute Sprünge auf vier verschiedenen Schanzen scheinen für den Vorjahres-Zweiten eine zu große Herausforderung zu sein. So benötigt dieser eigentlich eine absolute Top-Form um konstant vorne landen zu können.

Prognose: Bei Marius Lindvik benötigt es schon ein kleines Weihnachtswunder, damit er für den Sieg infrage kommt. Findet er jedoch die richtigen Knöpfe, könnte er schnell ein ganz heißer Anwärter werden.

Die Außenseiter auf den Tournee-Triumph

Kamil Stoch: Natürlich darf man auch den zweimaligen Tourneesieger nicht von der Rechnung streichen. Bisher lief beim Polen eigentlich alles wie immer. So folgte auf einen traditionell wackligen Start ein starkes Engelberg Wochenende. Wie es dann bei der Tournee läuft, ist hingegen Jahr für Jahr schwer vorherzusagen. Für den Tourneesieg scheint der 33-Jährige derzeit allerdings entschieden zu instabil zu sein. Seine allerbesten Jahre sind wohl vorbei. So konnte er bereits in den letzten Jahren nicht um den goldenen Adler mitspringen.

Dawid Kubacki: Auch für Kubacki lief es in diesem Jahr ähnlich wie zur selben Zeit im Vorjahr. Dort gelang ihm nach einem fast schon unterirdischen Engelberg-Wochenende überraschend der Tournee-Erfolg. Dazu wird es in dieser Saison jedoch vermutlich nicht kommen. So klagte der Pole bereits in der Vorbereitung über eine wechselhafte Form, die sich nun auch durch die Saison zieht. Trotz allem ist Kubacki ein traditionell guter Tournee-Springer und könnte durchaus ein Wörtchen mitreden.

Stefan Kraft: Er ist das größte Fragezeichen im Skisprungzirkus. So reist der Dominator ohne Weltcuppunkt nach Oberstdorf. Eine Corona-Erkrankung sowie Rückenproblemen machten seine Saison bisher zu einem Horror-Trip. Allerdings zeigte er in den wenigen Trainingsdurchgängen, dass er durchaus in der Lage ist, Top-Sprünge abzuliefern. Den Österreicher darf man aufgrund seiner Klasse und Tournee-Erfahrung nie abschreiben. Ein Sieg wäre trotzdem eine Sensation, zumal die kräftezehrende Woche Gift für den Rücken des 27-Jährigen sein dürfte.

Robert Johansson: Als Weltcup-Dritter ist der Norweger natürlich auch zu nennen. Allerdings konnte dieser einen Großteil seiner Punkte in Nizhn Tagil sichern. So ist der Wikinger ein echter Spezialist: Wehr der Wind auf der richtigen Schanze von vorne, ist Johansson kaum zu stoppen. Bei Rückenwind kann er jedoch selten ganz vorne mithalten. Um die Tournee gewinnen zu wollen, muss man jedoch alle Bedingungen gut beherrschen. Von daher ist Johansson trotz seines dritten Platzes im Gesamtweltcup lediglich ein Außenseiter.

Anze Lanisek: Er ist die Hoffnung der gebeutelten Slowenen. Der Weltcup-Gesamtfünfte springt die beste Saison seines Lebens und hat deutlich an Konstanz dazu gewonnen. Mit den Rängen drei und vier präsentierte er sich auch in Engelberg ganz stark. Für den ganz großen Wurf fehlt dem 24-Jährigen aber wohl noch die Erfahrung auf Top-Niveau und das Winner-Gen. Für eine Überraschung ist er aber allemal gut.

Yukiya Sato: Nicht Kobayashi, sondern Yukiya Sato ist derzeit der aussichtsreiche Japaner. Mit seinem aggressiven Sprungstil aus einer ganz tiefen Hocke ist der 1,61 große Japaner eine echte Wundertüte. Punktuell sind ihm durchaus Überraschungen zuzutrauen, wohingegen ihm für den Gesamtsieg die Stabilität fehlt.

Pius Paschke: Der 30-Jährige befindet sich in der Form seines Lebens. Zuletzt verpasste er in Engelberg mit den Rängen vier und fünf nur ganz knapp das Podium. Wie die letzten Jahren gezeigt haben, kann sich der Routinier zur Tournee traditionell noch einmal steigern. Selbstverständlich bleibt er für den Tournee-Erfolg aber eher ein Außenseiter.

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