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Nach Disqualifikationen in Peking: Antworten des Internationalen Skiverbandes

07.02.2022, Beijing, China (CHN): Sara Takanashi (JPN) - XXIV. Olympic Winter Games Beijing 2022, ski jumping men and women, mixed team HS106, Beijing (CHN). www.nordicfocus.com. © Thibaut/NordicFocus
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Nach einem turbulenten olympischen Mixed-Teamwettbewerb haben wir nach Antworten für die Geschehnisse gesucht, welche am Montag vor einer Woche für Verwirrung und Frustration in der Skisprungwelt sorgten. Wir haben beim Internationalen Skiverband (FIS) nachgefragt, um etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen. 

Mit Katharina Althaus (Deutschland), Sara Takanashi (Japan), Daniela Iraschko-Stolz (Österreich) und Anna Odine Stroem sowie Silje Opseth (beide Norwegen) gab es gleich fünf Disqualifikationen während der Premiere des Mixed-Teamevents bei Olympischen Winterspielen vor genau einer Woche. Das sind so viele wie noch nie auf einen Schlag. Denn in insgesamt 11 Jahren Weltcup-Geschichte gab es bisher ganze sechs Disqualifikationen von Top-Athletinnen.

Wir haben uns erkundigt, ob im Vorfeld bereits angekündigt wurde, dass es in Peking strengere Kontrollen geben wird, als das möglicherweise vorher im Weltcup der Fall war. „Im Rahmen des TCM (Abk. TCM = Team Captains Meeting, zu deutsch: Mannschaftsführersitzung) wurde eine Materialkontrolle entsprechend der FIS Regeln angekündigt“, erklärt Horst Nilgen – FIS Media Coordinator im Skispringen. Solche Ankündigungen seien zum einen nicht selten und zum anderen, wurde diese nicht als bedeutend strenger ausgegeben. Eine Ankündigung wurde also getätigt, die Teams somit zumindest vorbereitet. Nichtsdestotrotz gaben nicht nur die Norwegerin Stroem oder die Österreicherin Iraschko-Stolz, sondern auch das deutsche Team um Althaus an, dass die Kontrolle strenger als gewöhnlich ausgefallen sei.

Sowohl Takanashi, als auch Althaus und Iraschko-Stolz gaben an, mit dem gleichen Anzug wie im Einzelwettbewerb gesprungen zu sein. Warum wurden die Damen nicht bereits im Einzelwettbewerb disqualifiziert?

Die Frage stellten sich viele Fans und Zuschauer des Wettbewerbes. Fakt ist, dass nie alle Athleten oder Athletinnen während eines Durchgangs oder eines Wettbewerbes kontrolliert werden können. Dies ist aus Zeitgründen schlichtweg nicht möglich. Es gibt jedoch immer Stichproben, so auch bei Olympischen Spielen. Laut Aussage der FIS gibt es zwei Möglichkeiten, weshalb die fünf betroffenen Damen im Einzelwettbewerb nicht disqualifiziert wurden: „Möglicherweise wurden die Athletinnen im ersten Wettkampf nicht kontrolliert, möglicherweise wurden aber auch die im Mixed-Team-Wettkampf beanstandeten Punkte beim Einzelwettkampf nicht kontrolliert.“ Klingt zum einen plausibel, wirft aber die Frage auf, warum überhaupt unterschiedliche Punkte in einem Wettbewerb genauer und im anderen offensichtlich nicht ganz so genau kontrolliert werden.

Nach einer Aussage von Horst Hüttel (DSV-Teammanager) – Wie kann eine Kontrolle über 20 Minuten dauern?

Aufgrund der Aussagen, dass beispielsweise Katharina Althaus über 20 Minuten in der Materialkontrolle gewesen sein soll, haben wir nachgefragt, was Anlass für eine derart lange Kontrolle sein kann. „Die Dauer der Kontrolle kann stark variieren. Je nachdem was kontrolliert wird und ob möglicherweise Messwerte im Grenzbereich festgestellt werden. Dann muss entsprechend genauer nachgeschaut werden und die Dauer der Kontrolle kann sich entsprechend deutlich verlängern“, erläuterte Nilgen. Weiter erklärte er aber, dass 20 Minuten „eher nicht realistisch“ seien. 

Weiterhin hieß es, dass bei den Damen insgesamt 13 Kontrollen während des Mixed-Teamwettbewerbes durchgeführt wurden. Bei fünf Disqualifikationen wurden also 46% der 13 Kontrollierten aus dem Wettkampf genommen – eine Premiere in der Premiere. Zur Theorie, wenn man 13 Damen in einem normalen Einzelwettbewerb kontrollieren möchte: „Durchgang 1 dauert normalerweise ca. 40 Minuten, das Finale ca. 32 Minuten, das macht also rein rechnerisch ca. 5,5 Minuten pro Kontrolle.“ 

Wie steht es um Mika Jukkara und seine Rolle in dem ganzen Vorfall?

Mehrere Stimmen behaupteten, dass Jukkara bei der Materialkontrolle der Damen anwesend gewesen sei oder in einer anderen Form Einfluss auf die polnische Kontrolleurin der Damen, Agnieszka Baczkowska, genommen hätte. Die Antwort, die wir dazu von der FIS erhielten: „Mika Jukkara war bei der Kontrolle der Frauen nicht anwesend und hat bei der Kontrolle der Frauen keine Rolle gespielt.“

DSV-Teammanager Horst Hüttel schilderte vier Tage nach den Vorkommnissen in einem Interview der ARD: „Wir hatten schon den Eindruck, dass der Kontrolleur der Männer Einfluss genommen hat. In welcher Art und Weise, da gehen die Meinungen auseinander.“ Der Deutsche Skiverband (DSV) habe bereits das Gespräch mit der FIS-Renndirekto Sandro Pertile gesucht, weitere Diskussionen stehen in den kommenden Wochen noch aus.

Warum erhielt Ursa Bogataj (Slowenien) lediglich eine Verwarnung?

„Verwarnungen gibt es regelmäßig. Diese werden ausgesprochen, wenn sich das verwendete Material im Grenzbereich, aber innerhalb der Toleranz bewegt. Man geht dann davon aus, dass die Grenzen wohl erreicht sind, es aber keinen Vorteil gegenüber den anderen Athleten bedeutet“, so Horst Nilgen. 

Weiter erläutert er: „Es wird verwarnt, damit der Athlet für die folgenden Wettkämpfe entsprechend reagieren kann.“ Was wiederum den Bogen zu der Tatsache zurückspannt, dass der Fokus in verschiedenen Wettbewerben auf unterschiedlichen zu kontrollierenden Punkten gerichtet werden kann und nicht alle Athletinnen in jedem Durchgang oder Wettbewerb kontrolliert werden – ein Problem in sich. „Disqualifikationen werden bei eindeutiger Überschreitung der Toleranzgrenzen ausgesprochen“, so die offizielle Erklärung. Heißt letztendlich: Hätte man die fünf Damen also im Einzelwettbewerb kontrolliert und dazu die gleichen Punkte beanstandet, hätte man bereits dort eine Verwarnung aussprechen können und die Situation im Mixed-Team höchstwahrscheinlich vermeiden können.

Zur Aussage der polnischen Materialkontrolleurin: „Was soll ich denn machen, wenn jemand mit einem zehn Zentimeter zu großen Anzug springt? Also Bitte! Das sieht man ja schon mit bloßen Auge.“ 

„Sicher kann ein Experte visuell relativ leicht erkennen, ob ein Anzug eher den Regeln entspricht oder möglicherweise nicht. Diese visuelle Einschätzung reicht aber natürlich nicht für eine Disqualifikation. Auch in so einem Fall muss präzise gemessen, und ein eventueller Verstoß dokumentiert werden, und so dauert dann eine Kontrolle wieder relativ lang“, heißt es vonseiten der FIS.

Offensichtlich schien der zu große Anzug zu dem Zeitpunkt des Wettbewerbs lediglich bei der Norwegerin Silje Opseth, wie auch Eurosport-Experte Werner Schuster anmaßte. Sie wurde allerdings nicht im ersten Durchgang, sondern erst im Finale disqualifiziert – ebenso wie ihre Teamkollegin Anna Odine Stroem. Dazu sagte uns die FIS: „Jede Athletin kann zwischen dem ersten und dem zweiten Durchgang den Anzug wechseln. (…) Während den Durchgängen sind die Kontrolleure normalerweise mit den Kontrollen beschäftigt und haben keine Zeit den Wettkampf zu verfolgen.“ Wurden beide also nicht im ersten Durchgang kontrolliert, hatten sie einfach Glück. Oder sie hatten Pech, weil sie ihren Anzug zwischen den Durchgängen gewechselt haben und sich im Finaldurchgang der Kontrolle unterziehen mussten.

Imageschaden zukünftig vermeiden – Vorgänge optimieren

Der weitere Vorgang der FIS: „Wir analysieren den Vorgang sehr genau und werden daraus unsere Lehren ziehen. Fakt ist, dass die Disqualifikationen uns allen sehr weh getan haben, und der Wettkampf natürlich unter den Disqualifikationen gelitten hat, das hat sich niemand gewünscht und wir werden alles daran setzen, dass sich das nicht wiederholt.“

Ein Vorschlag vonseiten des DSV wurde bereits intern besprochen und könnte möglicherweise schon im kommenden Winter für Änderungen sorgen. Diskutiert wurde die Möglichkeit, die Materialkontrolle komplett nach oben und vor den Sprung zu verlegen. Sprich, sobald ein Athlet oder eine Athletin auf dem Balken sitzt und das grüne Freizeichen erhält, besteht keine Gefahr mehr einer Disqualifikation nach dem Sprung. Inwieweit dies organisatorisch möglich ist, bleibt abzuwarten. Dennoch steht nach diesem Wirrwarr fest: Die ein oder andere Art und Weise der Kontrolle muss mit Sicherheit überdacht und überarbeitet werden.

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