So luxuriös die Situation bei den österreichischen Herren ist, umso schwieriger sieht es derzeit bei den Damen aus. Mit Jaqueline Seifriedsberger und Sara Marita Kramer haben gleich zwei erfolgreiche Springerinnen der vergangenen Jahre vor der neuen Saison ihren Rücktritt erklärt. Hinzu kommt der verletzungsbedingte Ausfall von Eva Pinkelnig. Skispringen-News.de hat sich mit den ÖSV-Damen über die große Lücke und die „neue Rolle“ von Lisa Eder unterhalten.
Im Sommer ging es plötzlich Schlag auf Schlag im österreichischen Damenteam – und das ausgerechnet vor der so wichtigen neuen Olympiasaison. Am 20. August 2025 gab zunächst die Weltcup-Gesamtsiegerin aus der Saison 2021/2022, Sara Marita Kramer, mit gerade einmal 23 Jahren ihr Karriereende bekannt. Zwar konnte die Springerin aus Maria Alm zuletzt nicht mehr an ihre Höchstform anknüpfen und musste zudem aufgrund einer Gürtelrose die Vorjahressaison frühzeitig beenden – dennoch war die Hoffnung natürlich groß, dass sie noch einmal an ihre Glanzzeiten früherer Tage anknüpfen kann. Mit 23 Weltcuppodestplätzen, 15 Weltcupsiegen, einem Gesamtweltcupsieg, zwei WM-Medaillen im Team sowie einem Weltmeistertitel im Team zählte sie zu den erfolgreichsten ÖSV-Springerinnen der jüngeren Vergangenheit. Doch sie traf eine andere Entscheidung.
„Mein großer Traum war immer, eine Medaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen. Als ich die letzten Spiele aufgrund der Corona-Virus-Infektion verpasst habe, hat es mich härter getroffen als gedacht. Ich habe dennoch versucht, mich wieder aufzuraffen und weiterzuarbeiten, um mein Ziel – eine Medaille zu erreichen – und damit meine Geschichte fertig schreiben zu können“, erklärte Kramer in einer Pressemitteilung des ÖSV und führte darin zu ihrem Karriereende weiter aus: „Es ist nicht das Ende der Geschichte, das ich mir als kleines Mädchen erträumt habe. Ziele und Träume können sich aber ändern. Ich bin dankbar für all meine gesammelten Erfahrungen und möchte mich für die Unterstützung bei meiner Familie, meinen Freunden, Sponsoren, den Fans, den Trainern, dem gesamten Team und dem Österreichischen Skiverband bedanken.“
Am 18. September 2025 folgte der nächste Rückschlag: Eva Pinkelnig stürzte bei der Olympiageneralprobe in Predazzo schwer und zog sich einen vorderen Kreuzband-, Innen- und Außenmeniskusriss sowie einen Knorpelschaden zu. Aufgrund dieser Diagnose steht sie dem ÖSV-Team für die komplette Saison nicht zur Verfügung.
Nur kurze Zeit später, am 24. September 2025, verkündete dann auch noch Jaqueline Seifriedsberger ihr Karriereende. Sie erreichte unter anderem sieben WM-Medaillen, drei Weltcupsiege und 23 Podestplätze. Den Gesamtweltcup 2024/2025 schloss sie als bestplatzierte ÖSV-Springerin auf Rang fünf ab.
„Alles hat seine Zeit. Bereits in den letzten Jahren hat es mich extrem viel Überwindung gekostet, weit zu springen und sauber zu landen. Das wurde von Saison zu Saison schwieriger. Hinzu kommt, dass sich der Sport und seine Rahmenbedingungen stetig weiterentwickeln. Neue Regeln, technische Veränderungen und höhere Ansprüche machen es notwendig, sich ständig anzupassen und mit voller Hingabe dabei zu sein. Während der Vorbereitung auf die bevorstehende Olympiasaison habe ich gemerkt, dass es mir extrem viel abverlangt und ich nicht mehr 100 Prozent geben kann wie in den vergangenen Jahren. Wenn Mut und Vertrauen an der Schanze fehlen, dann ist man auch nicht erfolgreich. Ich habe mich daher in den vergangenen Wochen bewusst zurückgenommen und in dieser Zeit intensiv über meine Zukunft nachgedacht. Die Entscheidung, meine Karriere zu beenden, ist dabei nicht von heute auf morgen gefallen, sondern über einen längeren Zeitraum in mir gereift. Die Ereignisse vom vergangenen Wochenende habe ich aufmerksam verfolgt – sie haben mir noch einmal gezeigt, dass der Entschluss für mich der richtige ist“, so Seifriedsberger in einer Pressemitteilung des ÖSV.
Wie geht es weiter – und wie kann eine Mannschaft so etwas kompensieren?
Lisa Eder als neue „Teamleaderin“?
Mit Lisa Eder ist dem ÖSV immerhin die Gesamtsechste des letzten Weltcupwinters erhalten geblieben. Und diese präsentierte sich bereits in starker Frühform, denn sowohl in Lillehammer als auch gestern in Falun sprang sie im Einzel aufs Podest. Hat die 24-Jährige damit auch das Zeug dazu, die neue Leaderin im Team zu werden? Und wie sieht sie selbst diese mögliche Rolle?
„Ich habe das jetzt schon öfter gehört, aber ich glaube, wir brauchen nicht direkt eine Teamleaderin. Wir haben eine gute Harmonie und sind ein kleines, aber feines Team. Das passt“, so Eder gegenüber Skispringen-News.de. Zu den Rücktritten von Kramer und Seifriedsberger äußert sie sich wie folgt: „Sie hinterlassen schon eine große Lücke. Wir waren doch immer sehr viele im Team und sind plötzlich zu einem sehr kleinen Team geschrumpft – also von einem großen zu einem kleinen Team geworden. Das tut natürlich weh. Aber es nützt nichts, es ist eine Entscheidung, die sie getroffen haben. Ich finde es schade, aber beide haben eine super Karriere gehabt.“
Auch wenn aufgrund der Situation bei den ÖSV-Damen derzeit sicherlich die größte Erwartungshaltung und Last auf Lisa Eder liegt, wirkt sie noch sehr gelassen und gibt gegenüber Skispringen-News.de als persönliches Ziel lediglich an, wieder „in Schwung“ kommen zu wollen. Mit ihren beiden Podestplätzen in Lillehammer und Falun hat sie dies bereits erreicht und einen vielversprechenden Saisonstart hingelegt, was auch der derzeitige vierte Platz im Gesamtweltcup unterstreicht. Man darf gespannt sein, wie sie im weiteren Verlauf der Saison mit dem Druck umgehen wird.
Julia Mühlbacher: „Wir werden weiter kämpfen und uns nicht unterkriegen lassen“
Den besten Eindruck hinter Lisa Eder hinterlässt bislang Julia Mühlbacher. Mit den Plätzen 17 und 18 in Lillehammer sowie Rang 19 in Falun zeigte sie eine äußerst beständige Leistung, die durchaus Hoffnung macht. Die 21-Jährige beschreibt die aktuelle Kadersituation so:
„Also die Lücke, die sie hinterlassen, ist schon riesig. Es war doch sehr plötzlich die Reduktion bei uns und schon ein heftiger Schlag. Aber die Rücktritte muss man akzeptieren und der Sturz von der Eva ist sehr schade, aber wir werden weiter kämpfen und uns nicht unterkriegen lassen.“
Wichtig für Mühlbacher wird sein, diese positiven Ansätze mitzunehmen und Selbstvertrauen statt Druck aufzubauen. Sollte ihr dies gelingen, könnte sie in diesem Winter langfristig die „Nummer 2“ hinter Lisa Eder werden.
Größere Baustellen bei Chiara Kreuzer und Hannah Wiegele – Lisa Hirner als „neues Ass“ im Ärmel?
Bei Chiara Kreuzer und Hannah Wiegele überwiegen derzeit noch die Baustellen. Beide verpassten in den bisher stattgefundenen drei Wettbewerben den zweiten Durchgang. Immerhin steigerte sich Kreuzer beim gestrigen Wettbewerb in Falun auf Rang 36, nachdem sie zuvor in Lillehammer mit den Plätzen 52 und 54 bereits in der Qualifikation ausgeschieden war. Ob sie es jedoch noch einmal in den erweiterten Kreis der Weltspitze schafft, bleibt abzuwarten. Ihr letzter Weltcupsieg datiert vom 11. März 2023 in Oslo.
Auch Hannah Wiegele steckt noch im Aufbauprozess. Ihr Ziel ist es, wieder Weltcuppunkte zu holen, nachdem ihr dies in den vergangenen zwei Jahren nicht so häufig gelungen war – vor allem mit Blick auf ihre beiden persönlichen Träume: eine Olympiateilnahme und das Skifliegen. Nach den Platzierungen 44 und 33 in Lillehammer sowie Rang 41 in Falun scheint dieses Ziel aktuell jedoch noch ein Stück entfernt.
„Natürlich ist es jetzt schwieriger. Man hat jetzt nicht mehr so das Zugpferd, obwohl Lisa natürlich auch sehr gut vorne dabei ist – und es ist immer ganz wichtig, dass man jemanden hat, der vorne reinspringt und an dem man sich auch im Training messen kann. Wir versuchen natürlich, da aufzuholen und die ausgeschiedenen Springerinnen zu ersetzen. Es ist schade, dass sie nicht mehr dabei sind, aber ich glaube, für sie war es die richtige Entscheidung. Wir müssen weiterkämpfen und hoffen, dass junge Athletinnen nachkommen“, so Wiegele.
Aufgrund der neuen Kadersituation rückt nun ein weiterer Name in den Fokus, der sich möglicherweise als Trumpfkarte erweisen könnte: die Kombiniererin Lisa Hirner. Sie feierte gestern in Falun ihr Weltcup-Debüt im Skispringen und verpasste mit Platz 33 nur knapp den zweiten Durchgang. Bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Trondheim 2025 gewann sie bei der Nordischen Kombination Bronze im Mixed-Team und anschließend Bronze im Gundersen-Einzel – nur 7,5 Sekunden hinter Siegerin Gyda Westvold Hansen, die mittlerweile ebenfalls zu den Spezialspringerinnen gewechselt ist. Sollte Hirner ihre Chancen nutzen, könnte sie sich ihren Olympiatraum erfüllen – ein Traum, der ihr als Kombiniererin sonst (zumindest in Val die Fiemme) verwehrt bleiben würde.

