DSV Plauderecke

Obwohl für die Skispringer in Planica bereits das offizielle Saisonfinale stattfand, ging die Reise für einige Top-Athleten noch weiter. Im polnischen Zakopane wurde erstmalig das sogenannte „Red Bull Target Jumping“ ausgetragen. Statt auf Weite kam es bei diesem Show-Event in erster Linie auf Präzision an – das Ziel war es, mit acht Sprüngen pro Team möglichst genau die Marke von 1000 Metern zu treffen. Den Sieg sicherte sich am Ende hauchdünn die Mannschaft von Teamkapitän Martin Schmitt.

Insgesamt fünf Teams gingen bei diesem erstmals ausgetragenen Wettbewerb an den Start, die von wahren Skisprunglegenden als Teamkapitän angeführt wurden. Martin Schmitt, Andreas Goldberger, Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern und Adam Malysz schickten jeweils vier Athleten auf der Großschanze ins Rennen. Doch bevor es so weit war, mussten zunächst die Legenden selbst ihr Sprungtalent noch einmal unter Beweis stellen. Auf einer Mini-Schanze (K4) traten sie gegeneinander an und gingen so selbst noch einmal auf „Weitenjagd“. Wie groß die Bedeutung dieses direkten Vergleiches im weiteren Verlauf noch werden würde, zeigte sich allerdings erst im späteren Tagesverlauf.

Auf der Großschanze ging es dann in erster Linie um Taktik und Präzession. Vor jedem einzelnen Sprung nahmen die jeweiligen Teamkapitäne Funkkontakt mit ihren Athleten auf und bestimmten anhand der derzeit vorherrschenden Windbedingungen gemeinsam die Anlaufluke sowie die zu erzielende Weite (auf die Einrechnung von Windpunkten und Haltungsnoten wurde bei diesem Show-Event verzichtet). Hinzu kam aber noch eine weitere Challenge: im laufenden Wettbewerb durfte jede Zielweite nur einmal verwendet werden. Während im ersten Durchgang von allen fünf Teams fast durchweg größere Weiten in Angriff genommen und erzielt wurden, waren im zweiten Durchgang von einigen Athleten Weiten deutlich unterhalb des Kalkulationspunktes gefragt. Denn das Ziel war nach allen acht Sprüngen mit dem Team möglichst nah an der 1000 Meter Marke zu sein.

Spannung bis zum letzten Sprung – Wellinger überzeugt mit Treffsicherheit

Die Entscheidung fiel erst mit dem letzten Sprung aller Teams und ihren jeweiligen Schlussspringern, die je nach Vorleistung ihrer Teamkollegen unterschiedliche Weiten erreichen mussten. Für Andreas Wellinger aus dem Team von Martin Schmitt standen am Ende noch 128 Meter auf der Uhr, die er mit einer Punktlandung tatsächlich erreichte. Damit hatte die Mannschaft exakt die Marke von 1000 Metern getroffen.

Danach ging es mit dem Polen Maciej Kot weiter, der für das Team von Gregor Schlierenzauer noch 140,5 Meter erzielen musste und in Absprache mit Schlierenzauer natürlich auch eine deutlich höhere Anlaufluke wählte als z.B. Wellinger zuvor. Nach einem Sprung auf 136 Meter kam das Team am Ende auf eine Gesamtweite von 995,5 Metern.

Für Daniel Tschofenig aus dem Team von Thomas Morgenstern und Domen Prevc aus der Mannschaft von Adam Malysz war die Vorgabe vor dem letzten Sprung mit jeweils 125 Metern identisch. Während Tschofenig bei 124 Metern (Gesamtweite des Teams: 999,0 Meter) landete, kam Domen Prevc in seinem Versuch auf 123,5 Meter (Gesamtweite des Teams: 998,5 Meter).

„Weitenjäger“ Schmitt sichert seinem Team mit einem 4 Meter Sprung den Sieg

Doch im Kampf um den Sieg wurde es noch einmal dramatisch. Gregor Deschwanden, der für das Team von Andreas Goldberger antrat, musste zum Schluss noch 107 Meter weit springen. Und ähnlich wie Wellinger zuvor sollte auch dem Schweizer dieses Kunststück mit einer Punktlandung gelingen. Damit erreichte sowohl das Team von Martin Schmitt als auch die Truppe von Andreas Goldberger mit den Sprüngen ihrer vier Athleten punktgenau die angestrebte Gesamtweite von 1000 Metern. In so einem Fall sah das Reglement vor, dass die beiden Teamkapitäne den Sieger unter sich ausmachen – und zwar durch ihre zuvor erreichte Weite auf der eigens präparierten Mini-Schanze (K4).

Hier zeigte Martin Schmitt, dass er nicht nur als Taktiker, sondern auch als Springer noch immer das gewisse Etwas besitzt: Mit einem Satz auf 4 Meter übertraf er Goldberger, der auf 3 Meter kam – und sicherte seinem Team damit den Sieg beim allerersten Red Bull Target Jumping.

„Fliegen, wie ein Schmetterling und zustechen, wie eine Biene“

Schmitts Team bestand aus Dawid Kubacki, Stephan Embacher, Anze Lanisek und Andreas Wellinger. Nach dem Triumph gab Schmitt einen Einblick in seine Teamstrategie: „Fliegen wie ein Schmetterling und zustechen, wie eine Biene“, scherzte er und lobte seine Athleten: „Die Jungs haben einen fantastischen Job gemacht. Es war wirklich toll.“ Anze Lanisek konterte mit einem Lächeln: „Er hat aber auch einen tollen Job gemacht, denn wegen ihm haben wir heute gewonnen. Danke Martin! Wir haben es genossen.“

Dawid Kubacki zeigte sich ebenfalls begeistert und brachte das Publikum zum Lachen: „Ich bin sehr glücklich, denn es ist mein erstes Podium in dieser Saison“, scherzte er schmunzelnd am Mikrofon. „Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, hier zu springen. Es war einfach eine tolle Atmosphäre hier in Zakopane.“

Auch Andreas Wellinger war von der Spannung des Events beeindruckt: „Es war ein toller Wettbewerb. Wir haben eine Rekordweite von Domen Prevc hier in Zakopane von 150,5 Meter gesehen, genauso wie 77 Meter von Piotr Zyla. Am Ende waren es vier Teams, die gerade einmal 1,5 Meter vom Ziel entfernt waren – das ist verrückt und hat unglaublich viel Spaß gemacht.“

Auf Rang zwei landete das Team von Andreas Goldberger mit Timi Zajc, Valentin Foubert, Jacub Wolny und Gregor Deschwanden vor der Mannschaft rund um Thomas Morgenstern, in dem Kacper Tomasiak, Aleksander Zniszczol, Alex Insam und Daniel Tschofenig an den Start gingen.

Treffsicherheit auch bei Alex Insam & Ryoyu Kobayashi

Neben Andreas Wellinger und Gregor Deschwanden konnten auch Alex Insam und Ryoyu Kobayashi mit jeweils einem ihrer Sprünge exakt die Zielvorgabe ihrer Teamkapitäne treffen. Eine Leistung, die beim Target Jumping von Red Bull den Unterschied machen kann im Vergleich zur sonst erforderlichen Weitenjagd. So hat Domen Prevc mit seinem neuen, inoffiziellen Schanzenrekord von 150,5 Metern im ersten Durchgang seinem Team das Leben vergleichsweise sogar etwas schwerer gemacht, da dadurch umso kürzere Sprünge (auch unter 100m) von den übrigen Teammitgliedern verlangt wurden.

Unter dem Strich bot das Red Bull Target Jumping nicht nur einen spannungsgeladenen Wettbewerb mit völlig neuem Ansatz, sondern auch ein Wiedersehen internationaler Skisprungstars in lockerer Atmosphäre.

DSV Plauderecke SGP Herren Sommer Grand Prix Weltcup Weltcup Herren

Beim letzten Sommer Grand Prix der Skispringer in Klingenthal haben wir uns mit Eurosport-Experte Martin Schmitt getroffen und mit ihm über seine Favoriten für die neue Weltcupsaison gesprochen. Im Interview gegenüber Skispringen-News.de wirft der zweimalige Gesamtweltcupsieger einen Blick auf seine bisher gesammelten Eindrücke aus der Sommervorbereitung und erzählt uns auch, wie sein Leben nach der aktiven Zeit im Skispringen aktuell aussieht. Mit 28 Weltcupsiegen, vier WM-Titeln, einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen sowie den bereits angesprochenen zwei Weltcupgesamtsiegen zählt Schmitt bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Skispringern überhaupt.

Martin, welche Eindrücke nimmst Du aus dem Sommer Grand Prix mit, insbesondere im Hinblick auf die aktuelle Form der Skispringer?

„Man kann zum jetzigen Zeitpunkt schon herauslesen, dass die Norweger es wissen wollen! Vor allem natürlich nach der letzten Saison, in der es doch ein bisschen holprig war und es teilweise auch intern ein paar Schwierigkeiten gab. Jetzt haben sie sich wieder zusammengerauft, sind hochmotiviert und blicken alle voller Vorfreude auf ihre Heim-WM in Trondheim. Diese gibt ihnen natürlich noch einmal einen extra großen Push. Wie man im Rahmen des Sommer Grand Prix gesehen hat, bringen sie jetzt schon die passende Form mit.

Aber ich glaube auch, dass sich das deutsche Team nicht verstecken muss. Beim letzten internationalen Vergleich vor der neuen Saison in Klingenthal ist Pius Paschke ganz gut gesprungen. Andi Wellinger war hier noch nicht an seinem persönlichen Optimum, lag aber trotzdem stetig auf Tuchfühlung. Technisch muss man vielleicht noch das ein oder andere bei den DSV-Adlern verbessern, vielleicht auch noch in Sachen Abstimmung. Aber wichtig war in erster Linie die Erkenntnis, dass man es aus eigener Kraft schaffen kann und dann auch vorne mit dabei ist. Mit diesem guten Gefühl reist das deutsche Team nach Hause, daher ist alles ok.“

Es stehen auch in dieser Wintersaison wieder zahlreiche Highlights auf dem Programm. Worauf freust Du dich persönlich?

„Die Vierschanzentournee ist natürlich jedes Jahr ein Highlight, aber auf Trondheim freue ich mich dieses Mal ganz besonders. 1997 durfte ich hier meine erste Weltmeisterschaft erleben mit vielen schönen Erinnerungen, daher ist es toll für mich jetzt wieder dorthin zur nordischen Ski WM zurückzukehren und es noch einmal vor Ort zu genießen (wenn auch dieses Mal nicht mehr als aktiver Skispringer). Das ist für mich ein ganz besonderes Highlight.“

Stichwort aktive Karriere – wenn Du heutzutage an einer Schanze stehst, gibt es auch nochmal Momente, an denen Du gerne selbst nochmal springen würdest oder hast Du mit dem Thema zum Karriereende komplett abgeschlossen?

„Als ich hier am Freitag beim Qualitag in Klingenthal, wo es vom Wind her sehr turbulent zuging, oben am Trainerturm gestanden und auf den Schanzentisch geblickt habe, habe ich mir nochmal gedacht: nein, ich vermisse es wirklich nicht mehr! (lacht) Ich bin ja jetzt schon zehn Jahre nicht mehr gesprungen und da ist die Versuchung auch nicht mehr ganz so groß, dass man die Skier nochmal anschnallt.“

Aktuell fungierst Du als Experte für den TV-Sender Eurosport, doch wie sieht sonst Dein Leben nach der Karriere aus?

„Ich bin immer noch sehr nah am Sport dran. Neben meinem Engagement für Eurosport betreue ich im deutschen Skiverband die jüngste Lehrgangsgruppe und versuche dort meine Erfahrung weiterzugeben mit dem Ziel mitzuhelfen, dass es auch künftig gute deutsche Skispringer gibt. Zudem betreibe ich noch eine Marketing-Agentur, mit der ich Sportler in der Vermarktung betreue. Somit habe ich auch weiterhin einen umfassenden Blick auf das Thema Skispringen.

Zum Abschluss noch eine kurze Einschätzung: Welche Namen kommen Dir als erstes in den Sinn, wenn Du über die Favoriten für die neue Saison nachdenkst?

„Es ist natürlich immer eine schwierige Frage. Aktuell ist man geneigt zu sagen: die Norweger! Speziell bei den beiden Sommer Grand Prix Wettbewerben in Wisla und Klingenthal haben sie einen starken Eindruck hinterlassen. Die Slowenen werden aber sicherlich auch wieder gut dabei sein, Timi Zajc ist hier zuletzt super gesprungen. Stefan Kraft wird sicherlich auch regelmäßig vorne mitspringen und für Siege gut sein, gleiches gilt für Ryoyu Kobayashi. Andi Wellinger schätze ich zudem ganz hoch ein, so wie er arbeitet und bei der Basis, die er mitbringt. Dies führt auch dazu, dass er mit einer unglaublichen Ruhe agiert.

Letztlich wird entscheidend sein, wer wie gut in die neue Saison hineinstartet und Erfolgserlebnisse sammelt. Dadurch baut sich dann Selbstvertrauen auf und man gelangt in den vielzitierten „Flow“. Es können viele auf diesen Zug aufspringen, aber die nächsten Wochen werden ganz wichtig sein.“