Karl Geiger steckt in einer der schwierigsten Phasen seiner Karriere. Nach Jahren an der Weltspitze kämpft der Oberstdorfer in dieser Saison um den Anschluss. In Garmisch-Partenkirchen sprach er am Neujahrstag mit uns über seine aktuelle Lage, die Ursachen der Probleme und seine Perspektiven für die Skiflug-WM sowie die Olympischen Spiele.

Skispringen-News.de: „Karl, du hast schon vor vielen Herausforderungen in deiner Karriere gestanden, aber würdest du sagen, dass das hier dieses Mal die größte ist?“

Karl Geiger: „Ja, das würde ich schon so sagen. Leistungstechnisch war ich zwar schon einmal in einer ähnlichen Situation, aber davor hatte ich noch nicht diese großen Erfolge. Deshalb ist es nicht einfach, das so hinzunehmen und weiterzuarbeiten. Aber Sport ist einfach ein schnelllebiges Geschäft. Nach jedem Wettkampf wird einem eiskalt die Liste vor die Nase gehalten, und dann steht dort, was es wert ist. Von daher: Ja, es ist eine Herausforderung.“

Skispringen-News.de: „Wie kann man sich die Veränderungen gegenüber dem Vorjahr vorstellen? Ist das Fluggefühl durch die neuen Anzüge ein anderes oder was sind die Hauptprobleme?“

Karl Geiger: „Das momentane Reglement und die Abstimmung, die ich habe, passen nicht zusammen. Grundsätzlich ist das neue Reglement kein Problem. Es müsste mir eigentlich zugutekommen, weil ich ein absprungstarker Athlet bin und es auch über die Flugform immer ganz gut gemacht habe. Aber die Abstimmung passt nicht, und es war von Anfang an schwierig. Das war bei ein paar anderen Teamkollegen, zum Beispiel bei Felix Hoffmann oder Hille Raimund, anders – für sie war es kein großer Unterschied. Bei Andi Wellinger, Pius Paschke und mir ist es so, dass wir damit springen können, aber es ist nicht so effektiv. Wir müssen schauen, dass wir effektiver werden, und daran scheitern wir momentan.“

Skispringen-News.de: „In Garmisch-Partenkirchen bist du beispielsweise auch einen Tag früher angereist. Aber so eine zusätzliche Testmöglichkeit bringt in der Kürze der Zeit dann auch nichts, oder?“

Karl Geiger: „Ich sage es mal so: Am Material ändere ich momentan nichts mehr. Ich habe gesagt, ich brauche jetzt die Konstanz und muss an meinem Sprung arbeiten. Wenn das Material nicht auf mich zugeschnitten ist, dann muss ich meinen Sprung auf das Material zuschneiden. Das ist möglich, aber nicht leicht.“

Skispringen-News.de: „Die Rückkehr nach vorne ist ja dein großes Ziel. Wie schwer ist das für dich gerade auch mental?“

Karl Geiger: „Es ist sehr schwer. Speziell, wenn man dann so ein Brett wie in Oberstdorf bekommt – das muss man erst einmal verkraften, und da geht auch das Kopfkino los. Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Da muss man wirklich wieder mit sich selbst ins Reine kommen, das ist der erste Schritt. Aber es ist möglich, und ich weiß auch, dass ich das kann, weil ich in solchen Situationen eigentlich ziemlich gut bin. Aber einfach ist es sicher nicht.“

Skispringen-News.de: „Kannst du so etwas gut aus dem Privatleben raushalten, oder merkt es deine Familie, wenn es nicht läuft – so wie man es bei anderen Arbeitnehmern auch merkt, wenn es auf der Arbeit nicht gut läuft?“

Karl Geiger: „Also, so ein Tag wie in Oberstdorf – da braucht man mir, glaube ich, nur ins Gesicht zu schauen. Das sieht und merkt jeder, weil man das auch nicht komplett trennen kann. Aber ich versuche, das innerhalb kürzester Zeit wieder wegzupacken und zu sagen: Das ist jetzt der Sportler und nicht der Mensch oder die Privatperson. Ich habe unglaubliches Glück mit meiner Familie. Wir sind alle gesund, uns geht es gut, und es gibt viele schöne Momente, die man auch abseits vom Sport genießen und aufsaugen kann. Da möchte ich die Stimmung nicht verderben, sondern versuche, handlungsorientiert zu sein und zu schauen: Was kann ich als Nächstes machen? Wenn ich mir dann einen Plan überlegt habe, kann ich das auch irgendwann wieder wegpacken.“

Skispringen-News.de: „Was trägt dich jetzt durch diese ganz schwere Zeit? Spürst du noch die Liebe zum Sport oder überwiegen inzwischen die Zweifel?“

Karl Geiger: „Die Liebe zu diesem Sport ist ungebrochen, auch wenn er gerade gnadenlos ist. Ich habe viele positive und nette Nachrichten erhalten und wirklich viel Aufbauarbeit von den Leuten um mich herum erfahren. Ich hatte einfach das Gefühl, dass wirklich alle hinter mir stehen – oder zumindest die meisten. Die wichtigsten auf jeden Fall. Das macht es natürlich leichter, wieder aufzustehen, den Schnee abzuklopfen und weiterzulaufen.“

Skispringen-News.de: „Mit der Skiflug-WM und den Olympischen Spielen stehen noch zwei große Saisonhöhepunkte an. Kannst du uns an deinen bisherigen Erinnerungen teilhaben lassen, und wie schätzt du die Situation derzeit ein?“

Karl Geiger: „Bei der Skiflug-WM habe ich im Einzel schon einmal einen Titel gewonnen und mit dem Team drei Medaillen geholt. Das sind natürlich ganz besondere Momente, gerade jetzt hier in der Heimat, auf die ich hinarbeite. Ich möchte dort auch im Team helfen können, mit meinen Sprüngen und Flügen. Momentan bin ich dazu noch nicht in der Lage, aber es sind definitiv große Ziele – die Skiflug-WM und die Olympischen Spiele. Ich möchte das im Moment aber noch nicht zu sehr forcieren, weil ich an meinem Sprung arbeiten will. Wenn mein Sprung passt oder besser wird, dann bin ich auch in der Lage, bei diesen großen Events der Mannschaft zu helfen und gute Ergebnisse zu erzielen. In der aktuellen Form würden mir allerdings auch die Olympischen Spiele, die zwar sehr schön sind, nichts bringen. Ich war zweimal dabei und kenne den olympischen Flair und Spirit – das ist etwas ganz Besonderes. Aber wenn ich dort an den Start gehe, möchte ich auch in der Lage sein, schlagkräftig zu sein.“

Skispringen-News.de: „Dankeschön und weiterhin viel Erfolg.“

Karl Geiger: „Vielen Dank.“

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