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Der Mixed-Wettbewerb und seine Konsequenzen

Kamil Stoch (POL) Foto: Thibaut/NordicFocus

An Tag zwei nach der fragwürdigen Entscheidung im Mixed-Wettbewerb von der Normalschanze bei den Olympischen Winterspielen in Peking herrscht in der Skisprung-Familie weiterhin großes Unverständnis über die Vorgänge während der Materialkontrolle. Fünf Athletinnen der Top-Nationen (Japan, Österreich, Deutschland und Norwegen) waren aufgrund nicht regelkonformer Anzüge disqualifiziert worden und hatten damit bei der Medaillenvergabe keine Chance.

Während der Internationale Skiverband (FIS) noch um Konsequenzen ringt, hat Japans Rekord-Weltcup-Siegerin Sara Takanashi bereits eben jene angekündigt. Die 25-jährige, die am Montag ebenfalls disqualifiziert worden war und von Weinkrämpfen geschüttelt ihren zweiten Sprung absolvieren musste, entschuldigte sich auf ihrem Instagram-Account. „Bei Allen, die das japanische Team unterstützt haben, möchte ich mich dafür entschuldigen, dass meine Disqualifikation im Mixed-Wettbewerb der gesamten japanischen Mannschaft die Möglichkeit genommen hat, eine Medaille zu gewinnen.“ Eine Entschuldigung scheint der Japanerin allerdings nicht weit genug zu gehen. Sie kündigte weiterhin hin an: „Auch wenn ich weiß, dass meine Entschuldigung keine Medaille zurückbringen wird, muss ich über meine sportliche Zukunft nachdenken. Ich kann nicht sagen, ob der Skisprung-Sport weiterhin ein Platz für mich sein wird.“

Die Frau, die eine Gallionsfigur ihrer Sportart und vor allem in Japan ein gefeierter Sportstar ist, haben die Geschehnisse im Mixed-Wettkampf also so stark mitgenommen, dass sie sich Gedanken über eine Fortsetzung ihrer Karriere macht.  Da stellt sich die Frage: Kann es wirklich im Sinne des Skisprung-Sports gewesen sein, dass erfolgreiche Sportlerinnen auf der größten Bühne, die ihnen der Sport bietet, so vorgeführt werden? Dass Athleten und Athletinnen die Möglichkeit genommen wird, fair und sportlich zu entscheiden, wer von ihnen Edelmetall mit nach Hause nehmen darf?

Gratzer: „Material-Kontrollen dürfen nicht im Vordergrund stehen“

Wir von skispringen-news sagen: Nein, das hätte so und vor allem zu diesem Zeitpunkt niemals passieren dürfen. Die Material-Kontrolle im Skispringen führt immer wieder zu Diskussionen, vor allem in dieser Saison – in der der Finne Mika Jukkara als neuer Materialkontrolleur die Verantwortung im Herren-Weltcup trägt. Doch statt klare Richtlinien (vor allem im Damen-Bereich) vor Beginn der Spiele festzulegen und deren Einhaltung auch konsequent zu überwachen, werden zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt neue und strengere Messmethoden angewandt. Sepp Gratzer, ehemaliger Material-Kontrolleur bei den Herren, erklärt in einem Interview gegenüber der Tiroler Tageszeitung: „Unsere Prämisse war immer: Die Materialkontrolle darf in einem Wettkampf nie ganz im Vordergrund stehen. Sie ist eine Randerscheinung, die Fairness und Chancengleichheit garantiert. Das ist offensichtlich in diesem Fall nicht gelungen.“

Das Ergebnis dieses „nicht gelungenen Falls“ kennen alle: Vier Top-Nationen wird die Möglichkeit genommen, ihren Kampf um Medaillen auf der Schanze auszutragen. Der als Freuden-Tag geplante Olympia-Montag, der mit der Premiere des ersten Olympischen Mixed-Wettbewerb im Skispringen seinen Höhepunkt erreichen sollte, wird zu einem Trauertag. Katharina Althaus geht sogar noch weiter und sagt, der Internationale Skiverband (FIS) habe „das Damen-Skispringen zerstört.“. Auch der ehemalige deutsche Bundestrainer der Skisprung-Damen erklärte gegenüber dem Fernsehsender Sky: „Es ist einfach skandalös. So dürfen wir unsere Sportart bei einem Großereignis der Weltöffentlichkeit auf keinen Fall präsentieren.“

Konsequenzen gefordert

Ob die FIS letztlich auch personelle Konsequenzen ziehen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Sepp Gratzer, hat dazu allerdings eine klare Meinung: „Ich habe den Eindruck, dass er (Anm.: Mika Jukkara) von heute auf morgen alles verändern und die Kontrolltätigkeit anders anlegen will. Für mich ist er momentan nicht der richtige Mann auf dem Platz, da hat man sich wohl geirrt“, erklärt der 66-jährige Österreicher weiter.

Um den Bogen zurück zur Ankündigung von Sara Takanashi zu schlagen, die sich klar werden muss, wie und ob es mit ihr und dem Skispringen überhaupt weiter gehen kann: Nicht nur das Damen-Skispringen wurde hier zerstört, sondern auch Träume und Hoffnungen. Die Konsequenz, in keiner Ergebnisliste unter den ersten drei aufzutauchen, führt vielleicht in manchen Fällen sogar dazu, dass Sportförderungen nicht verlängert werden oder überhaupt greifen, ja gar ganze Karrieren plötzlich enden. So etwas darf sich keinesfalls wiederholen und gehört klar aufgearbeitet.

Quelle: Tiroler Tageszeitung, Sky, SID

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